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Peter Hofmann
Mensch und Höhle - Wege im Inntal


Weber an der Wand
Ein Höhlenhaus mit Geschichte

Der Hügel, auf dem die Auerburg steht, setzt sich in einen Höhenrücken fort, der, wie bereits ausgeführt, Burgberg heißt. Nach Süden hin bildet dieser eine senkrechte, ja sogar leicht überhängende Wand aus, in die ein relativ großes, markantes Haus hineingebaut ist, der Weber an der Wand – ein Höhlenhaus, denn die Rückwand bildet der Fels!
Der Besucher ahnt schon, dass es damit etwas Besonderes auf sich hat und tatsächlich besitzt Oberaudorf mit diesem Objekt eine kulturhistorische Kostbarkeit ersten Ranges – nach Meinung des Verfassers das bedeutendste Objekt des Unterinntales nach der Quarantan.

Eine „sagenhafter“ Ursprung ...

Entstanden ist dieses Kuriosum aus einer Klause, in der ein Einsiedler lebte und auch die Kinder unterrichtete (1840 erhielt Oberaudorf erst ein Schulgebäude).
Um den Tod des letzten Eremiten Namens Hieronymus rankt sich eine makabere Erzählung:

Die Sage vom Tod des Einsiedlers von Oberaudorf

Der Eremit Hieronymus hatte sich seine Zelle am Fuß der hohen, senkrecht aufsteigenden Felswand in deren Einbuchtung hineingebaut. Die Oberaudorfer waren damals recht froh darüber, dass dieser fromme Mann in ihrer Nähe wohnte, denn er verstand allerlei davon, Mensch und Tier von Krankheiten zu heilen. Wenn ein Audorfer Hilfe für kranke Familienmitglieder oder für ein erkranktes Haustier brauchte, kam der Eremit gern mit seinen Pflanzenmixturen.

Zum Lohn dafür brauchte er sich um seinen Lebensunterhalt nicht zu kümmern, denn die Audorfer brachten ihm, was er an Lebensmitteln benötigte, und er hatte davon zumeist einen Vorrat in seinem Felsenkeller.

Ging der zu Ende, so läutete er sein Eremitenglöckchen, dessen Klang vom kleinen Holztürmchen über der Klause herab man im Dorf hörte. 

Daraufhin wurde ihm gebracht, was ihm ausgegangen war.

Wieder einmal bimmelte des alten Einsiedlers Glocke, und ein paar Oberaudorfer gingen hinauf zu ihm, um nachzusehen, was er brauche. 

Als sie in die Zelle eintraten, merkten sie, dass dieser keine Bedürfnisse mehr hatte: Er war gestorben. Auf einem harten Lager liegend hatte er den Glockenstrick noch in der erkalteten Hand. Er hatte sich selbst die Totenglocke geläutet. (Einmayr o. J. S. 15)

... und eine lange Tradition

Nach dem Tode des Einsiedlers erwarb 1817 das Grundstück ein Webermeister Namens Seywald, so kam der heutige Name auf. Er baute das Haus in heutigem Aussehen direkt in die Halbhöhle hinein, sodass er sich die Rückwand und die eine Hälfte des Daches ersparen konnte.
Nach einigen Jahren erhielt er wunschgemäß das Recht, dort auch eine Gastwirtschaft zu betreiben. Und das war eigentlich der Anfang Oberaudorfs als Erholungsort – ja, manche sagen, der Beginn des Tourismus in Bayern überhaupt! Denn bald wurde es in der Münchner Gesellschaft schick, die „romantische Natureinsamkeit“ zu suchen.

Der „Weber an der Wand“ wurde so berühmt, dass dort Kaiser, Könige, Künstler und Gelehrte verweilten, unter ihnen 1823 Zar Alexander I. von Rußland, der der Wirtin zwei Golddukaten schenkte, König Ludwig I. und König Max II. und Prinzregent Luitpold von Bayern, die Grafen Kobell, Pallavicini und Pocci oder die Dichter bzw. Künstler Ludwig Steub und Schraudolph aus München und der Erfinder der deutschen Kurzschrift, Franz Xaver Gabelsberger. Letzterer schrieb am 9.September 1845 bei einem seiner Besuche beim „Weber an der Wand“ ein paar Verschen - natürlich in Stenografie - ins Gästebuch:

Gern bin ich auf dem Land
und was ich da empfand,
das schreib' ich fröhlich nieder:
Zum Häuschen an der Felsenwand,
wo ich so schöne Blumen fand,
möcht' ich gerne jährlich wieder.

Und zwei Jahre später:

...Bedeckt auch diesmal Schnee die Bergesspitzen
und ist es etwas frostig hier zu sitzen
so bleibt doch schön der Blick ins Land
beim alten Weber an der Wand

Noch Anfang des letzten Jahrhunderts war dieses kuriose Höhlen-Gasthaus weitum so beliebt, dass an manchem Sonntag angeblich zu Mittag ein ganzes Kalb von der Wirtin Köglmeier gebraten und in handfeste Portionen zerlegt nebst einigen zum Nachmittagskaffee gebackenen Torten kaum reichten, um alle Gäste zufrieden zu stellen.

Die momentane Situation

Leider fällt heute der Besuch des Wirtshauses kurz aus – der Gast steht vor verschlossenen Türen. Die Bausubstanz des Gebäudes war so weit heruntergekommen, dass es nicht mehr nutzbar war. Der letzte Bewohner hat es vor mehr als 20 Jahren verlassen. Daher führt das Haus nun schon seit vielen Jahren ein Schattendasein.

Doch es besteht Hoffnung: ein sehr engagierter Privatmann hat es erworben und renoviert es aufwendig und gründlich – als „Lebenswerk“, wie er selbst zu diesem Vorhaben sagt. Er hat vor, ihm seine Bestimmung als einfaches Landgasthaus wieder zurückzugeben – zu dem man für eine gute Jause gerne einkehrt

Es wäre ein kultureller Gewinn für den Ort und die ganze Region, wenn das gelänge!

Eine Begehung des Hauses ist freilich auch als „Baustelle“ interessant. Unerwartet viele Räume tun sich da auf drei Ebenen auf. An verschiedenen Stellen des Hauses ist tatsächlich der nackte Fels als Rückwand zu sehen. Die Tiefe der ursprünglichen Höhle ist ohne exakte Vermessung gar nicht so leicht abschätzbar, sie dürfte aber kaum über 7-8 m gelegen haben. An der tiefsten Stelle in der Höhle befand sich die Quelle und das Wasserbecken des Einsiedlers Hieronymus. 

Im Bereich des zweiten Stockwerkes des Hauses bildet die Höhle einen natürlichen Absatz, der heute (vorübergehend) mit Schutt bedeckt ist. Schade, dass noch keine intensiven archäologischen Forschungen durchgeführt wurden, hier wäre sicher ein potenzieller Fundplatz! Nach oben wird die Tiefe des Hauses geringer, da sich die Höhlenwand im Bogen wieder nach vorne wölbt.

Vermutlich birgt das Haus noch so manches Geheimnis, einige wohl auch für immer. Zu einem der interessantesten Exkursionsziele, die das Inntal zu bieten hat, gehört es gerade auch dadurch!

Diese Exkursionsbeschreibung ist die gekürzte Fassung eines Kapitels aus:
Peter Hofmann:
Mensch & Höhle - Wege im Inntal: Ein anthropospeläologischer Exkursionsführer zu den Höhlen des unteren Inntales
zwischen Rosenheim und Kufstein. 
BOD-Verlag, Norderstedt, Mai 2005 ISBN 3-8334-2811-2.
Nähere Informationen und Bestellmöglichkeit unter der Rubrik
Literatur (-kauf)  


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