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Peter Hofmann
Mensch und Höhle - Wege im Inntal


EINFÜHRUNG:
Höhlenforschung und das Inntal
Eine spannende Geschichte

Das geheimnisvolle Dunkel der Höhlen hat den Menschen zu allen Zeiten fasziniert. Im unteren Inntal, im "Bayerischen Inntal", findet man nicht die ganz großen, spektakulären Objekte. Warum die Höhlen dort aber in ganz anderer Beziehung fast ausnahmslos besonders interessant sind, davon handelt dieser Exkursionsführer.

Faszination Höhlenforschung

Mit Höhlen hat der Mensch in seiner ganzen Entwicklungsgeschichte zu tun gehabt – als Behausungen, als Fluchtburgen, als Kirchen und Kulträume - oder ganz profan als Viehstall hat ihm meist der Eingangsbereich gedient. Sicher hat ihn aber immer schon interessiert, was sich dahinter, in den Tiefen des Berges verbirgt.
Dies zu erkunden, ist eines der letzten Abenteuer geblieben – denn bis heute ist nur der geringste Teil der Unterwelt erforscht, das Unbekannte lockt manchmal nur einige Meter neben ausgetretenen Pfaden!
Die Höhlenkunde, in der Fachsprache Speläologie (abgeleitet aus den griechischen Wörtern spelaion, "Höhle" und logos "Wort, Lehre, Kunde"), ist darüber hinaus heute eine anerkannte Wissenschaft, mit Berührungspunkten zu Geologie, Biologie, Zoologie und Archäologie gleichermaßen.

Anthropospeläologie – was ist denn das??

Unter Höhlenforschung kann sich auch der Laie etwas vorstellen, aber Anthropospeläologie? Was ist denn das, mag sich mancher angesichts des (zugegebenermaßen etwas sperrigen) Titels fragen.
Bei der Bezeichnung handelt es sich um ein Kunstwort, zusammengesetzt aus Speläologie und Anthropologie, die der "Große Brockhaus" wie folgt definiert: "Die Wissenschaft vom Menschen, seiner Entstehung, Entwicklung, sowie von den menschlichen Verhaltensweisen in den Auseinandersetzungen mit der Umwelt." (vgl. Der große Brockhaus).
Ich denke, wenn man das letzte Wort, Umwelt, durch Höhle ersetzt, kommt man einer Definition schon sehr nahe. Es geht um die Beziehungen zwischen Mensch und Höhle im weitesten Sinne und durch alle Zeiten, von der Urgeschichte, der Entstehungsgeschichte der Menschheit bis zur Jetztzeit. Und erstaunlich häufig finden sich diese Beziehungen, ob durch Archäologie nachgewiesen oder aus den Bereichen Religionen und Sagen. Sehr häufig sind auch ganz "moderne" Berührungen: Nutzung von Höhlen im Krieg, als Wohnstätten, als Zufluchtsstätte von Verfolgten oder aber die touristische Nutzung als Schauhöhle. Dort, wo der Mensch sich aufhält, verändert er oft seine Umwelt – so ist der Übergang zu künstlichen Objekten oft ein sehr fließender.
Es handelt sich bei der Anthropospeläologie also um eine typische fachübergreifende Disziplin mit Ausstrahlung auf zahlreiche andere Fachgebiete – bis hin zur Weiterführung in der Psychologie, beispielweise, wenn es um Wirkungen des Phänomens Höhle auf den Menschen (und seine Psyche) geht.
Der Begriff der Anthropospeläologie ist dabei keine ganz neue Schöpfung, Trimmel benutzt ihn in seinem Grundlagenwerk (Trimmel 1968 S. 4) als erster Autor. Wie er selbst sich erinnert, wurde der Begriff von ihm geprägt und auf dem Ersten Internationalen Kongress für Speläologie 1953 in Paris erstmals verwendet (vgl. Trimmel 2003, S. 82).

Als Gliederungsbegriff des Wissenschaftsgebietes der Speläologie hat er sich durchgesetzt.

Kusch (1998) bezeichnet die Anthropospeläologie als eines der 5 Tätigkeitsgebiete der Höhlenkunde neben der Biospeläologie (Höhle und Karst als Lebensraum für Pflanzen und Tiere), Geospeläologie (Entwicklungen und äußerliche Erscheinungsformen des Karst- und Höhlenphänomens), angewandte Speläologie ( (Auswertung der Karstlandschaft und Höhlen, vor allem im Hinblick auf wirtschaftliche Nutzung) und technische Speläologie (Methoden und Möglichkeiten der praktischen Forschung und ihrer Schwierigkeiten. (vgl. Kusch 1998 S. 10 f.)

Das bayerische Inntal ...

Wieso spielt dieses Thema nun aber eine besondere Rolle im Inntal? Um die Landschaft zu verstehen, ist es zunächst sinnvoll, einen ganz groben Blick auf die Geologie zu werfen.

Die Gebirge, wie die nördlichen Kalkalpen im Groben generell, haben sich im Erdmittelalter, vor ca. 225-67 Mio. Jahre als Meeresablagerungen gebildet, aber bei unterschiedlichen Bedingungen.

Die beiden großen Gebirgsstöcke Kaisergebirge und Wendelstein bestehen aus Wettersteinkalk, d.h. sie entstanden Trias (225 – 195 Mio. Jahre) in einem flachen, tropisches Meer, daher findet man dort auch Versteinerungen. In einer salzigen, eher lebensfeindlichen Lagune bildete sich Hauptdolomit und Plattenkalk des Wildbarren, Schwarzenberg oder Traithen (weshalb man hier kaum Versteinerungen finden wird). Eine Sonderform bilden die ehemaligen Korallenriffe Brünnstein, Höhlenstein und auch die Luegsteinwand, deren Fels daher auch Riffkalk genannt wird. Am Brünnstein kann man an manchen Stellen schöne Reste ganzer versteinerter Tierstöcke sehen. Weitere Ablagerungen aus der etwas jüngeren Jura- und Kreidezeit (195 – 67 Mio. Jahre) kommen dazu (etwa die Mulde zwischen Brünnstein und Wildbarren).

Die Auffaltung des ehemaligen Meeresbodens in Folge der Kontinentaldrift vor ca. 30 Mio. Jahren zu mächtigen Gebirgen vollendete schließlich den Hauptteil des Werkes.

... als Relikt der Eiszeit

Die heutige Prägung erhielt die Landschaft aber erst durch die Eiszeiten, die interessante Spuren hinterlassen hat.

Seit etwa 1,5 Mio. Jahren kam es bekanntlich zu vier Haupteiszeiten (Mindel- Günz- Riß- und Würmeiszeit), verbunden mit Vorstößen der Gletscher weit ins Voralpenland. Die letzte, die Würmeiszeit endete vor etwa 12.000 Jahren. Die Eisströme reichten bei Kufstein ca. 1.600 m hoch, bei Brannenburg noch ca. 1.300 m.
Sichtbare Zeugnisse der Eiszeiten sind die aus den Zentralalpen herbeitransportierten Findlinge wie der Graue Stein bei Niederaudorf. (Er wird uns noch in einer Höhlensage begegnen.) Eine zweite, verblüffende Spur der letzten Eiszeit liegt im Unterinntal so offen zu Tage, dass sie fast von jeder Stelle des Tales zu sehen ist – man muss die Sprache der Steine nur verstehen:

Der Wildbarren und das genau gegenüberliegende Kranzhorn bilden die markante engste Stelle des gesamten Tales – und bildeten auch eine "Sperre" für den Gletscher. Deshalb hat er dort markante Spuren hinterlassen – in Form von sich auf beiden Seiten höhengleich ergänzenden Höckern. Sie markieren den ursprünglichen Talboden sowie den höchsten Eisstand.

Bemerkenswert ist schließlich auch die Nacheiszeit. Mächtige Moränenwälle, die weit im Alpenvorland entstanden waren (und dieses heute noch prägen) stauten das abfließende Wasser zum "Rosenheimer See". Er erstreckte sich in der Größe des Bodensees von Haag (nördlich Wasserburg) bis Kufstein, mit einer Seehöhe von 478 m ü. (dem heutigen!) NN. Der Ortskern von Oberaudorf lag also genau an seinem Rand.

Bereits in der Nacheiszeit ca. 11.000 v. Chr. durchbrach der See aber die Moränen-Staustufe im Norden und floss ab, der Chiemsee ist ein Rest davon und der Inn, wenn man so will, die Abflussrinne. Die Seetone im Untergrund zeugen von diesen geologischen Vorgängen.

In der Folge der Eiszeiten setzte natürlich massiv auch nochmals die Verkarstung ein. Es sei aber erwähnt, dass bis vor Jahren die Höhlenentstehung generell sehr spät gelegt wurde, die Wissenschaft immer mehr aber Beweise findet, dass Verkarstung und Höhlenbildung weit früher begann und Höhlen weitaus älter sein können als bislang vermutet. Bei der Wendelsteinhöhle kommt dieses Thema nochmals zur Sprache. Mit Sicherheit haben die Höhlen des Inntales ein sehr unterschiedliches Alter!

Wie man sieht – die Umstände für Höhlenbildung sind günstig, und in der Tat gibt es eine ganze Reihe interessanter Objekte.

... als europäischer Fernreiseweg

Für das Thema dieses Buches ist aber ein anderer Umstand besonders wichtig. Wer eine Karte Europas betrachtet, kann erkennen, wie bedeutsam zu allen Zeiten der Weg über den Brenner als niedrigster Alpenpass für den Nord-Süd-Verkehr war – und der leichteste Weg dorthin führt durch das Inntal. Also war das Inntal ein Verkehrsweg zu allen Zeiten, vielleicht sogar einer der ersten europäischen Fernreisewege überhaupt.

So finden sich bronzezeitliche Funde, keltische Siedlungen und Römerstraßen – auch wenn sich diese Fundstellen natürlich verstecken. (Man nimmt übrigens an, dass aus vorrömischer bis römischer Zeit der Name stammt, der Fluss hieß bei den Römern Aenus; ein Wort, das in Jenbach weiterlebt.) Die mittelalterlichen Relikte in Form einer ungewöhnlichen Burgendichte sind dagegen für jedermann sichtbar. Letzteres gilt leider auch für die Sorgen der Bewohner mit dem modernen Verkehrsstrom.

... und als moderne Ferienregion

Die wohltuende Breite des Tales in Verbindung mit den umgebenden Bergen, die aus dem Voralpenland erst sanft ansteigen und sich schon nach kurzer Distanz steigern bis hin zur wahrlich beeindruckenden Steinbarriere des Kaisergebirges, bilden einen Naturraum von hohem Reiz. Sicher haben das die Besucher zu allen Zeiten empfunden. Ist es da ein Zufall, wenn die Wiege des Tourismus (in Form eines Höhlenhauses!) im Inntal steht?

Heute präsentiert sich die Gegend zwischen der sehr angenehmen Stadt Rosenheim bis zum malerischen Kufstein als moderne Ferienregion mit zeitgemäßem Angebot. Weitere Anstrengungen zur Modernisierung werden unternommen, denn natürlich ist die Konkurrenz groß und die Krise des Tourismus in Deutschland der letzten Jahre in Form rückläufiger Übernachtungszahlen auch hier präsent.

Wege in Inntal

Alle Faktoren zusammen genommen verwundert es kaum, dass das Inntal wohl als eine der interessantesten Landschaften Süddeutschlands gelten darf - reich an Natur und Kultur.

Denn natürlich haben sie alle ihre Spuren hinterlassen, ob fromme Pilger, geschäftige Kaufleute oder Soldaten auf Kriegszug – und das auch und gerade in den Höhlen!

Machen wir uns also auf den Weg!

Beginnen sollte man die Erkundung des Inntales von Brannenburg aus zunächst mit dem Wendelstein, zweifellos einer bayerischen Ikone! (Außerdem hat der Berg einen prächtigen Ausblick - und damit Überblick über unser Gebiet) Die Wendelstein-Schauhöhle lockt in Gipfelnähe, daneben eine ganze Reihe weiterer Höhlen wie die Wetterlöcher , interessante Höhlen wie die Soinalmhöhle oder so obskure Objekte wie die Fakirhöhle. In Talort Brannenburg selbst sollte man die Biber besuchen, das größte Naturdenkmal Bayerns mit einer Höhle im Nagelfluh und Höhlenwohnung eines Eremiten. Ein kleines, aber interessantes Objekt ist daneben das Höllensteinloch (eine ehemalige Höhlenburg?).

Bei Flintsbach führt der Weg auf den Petersberg am Teufelsloch vorbei.
Rund um Fischbach bietet sich ein Besuch der Eiszeit an mit einem Gletscherschliff und den Höhlen in der Wolfsschlucht.

Auf der anderen Innseite sind rund um Neubeuern sind der Wetzssteinbruch bei Neubeuern mit einer Versturzhöhle und der Mühlsteinbruch bei Altenbeuern Pflichtprogramm.
Nußdorf bietet bei der Wallfahrtskirche Kirchwald wieder eine Einsiedlerhöhle, gleich dahinter gibt der bayerische Heuberg gibt dem Höhlenforscher reichlich Rätsel auf.

Etwas weiter flussaufwärts ist Oberaudorf und seine Umgebung hochinteressant. Hier liegen Wildbarren und Höhlenstein mit der Höhle im Höhlenstein. Am Brünnstein, dem Hausberg von Oberaudorf, kann man auf den Spuren der Sagen die Zwergenlöcher ersteigen. Der Schwarzenberg beherbergt die Höhle im Schwarzenberg mit einem Bezug zum 2. Weltkrieg Das Höhlenhaus Weber an der Wand als Ursprung des Tourismus in Bayern wurde schon erwähnt. Schließlich bietet die Auerburg Gänge unter der Auerburg, und die Luegsteinwand das Grafenloch als mittelalterliche Fliehburg.

Die österreichische Seite des Inntales

Auf der anderen Seite des Inns scheint erstaunlicherweise zunächst weniger geboten Aber in Erl zeigt sich, dass sich auch in einer Pfarrkirche Höhlenforschung betreiben lässt.

Der Schwerpunkt des Führers soll auf das Unterinntal bis Kufstein gelegt werden. Eine Wanderung ins Kaisertal von Kufstein aus zur berühmten Tischoferhöhle bildet daher einen Schlusspunkt und landschaftlichen Höhepunkt der vorgeschlagenen Routen.

Natürlich ist diese räumliche Definition eine "künstliche" Begrenzung. Ebenso zahlreich und interessant sind viele Objekte im Tiroler Teil des Tales – doch sie müssen einem weiteren Band vorbehalten werden.

Diese Exkursionsbeschreibung ist die gekürzte Fassung eines Kapitels aus:
Peter Hofmann: Mensch & Höhle - Wege im Inntal: Ein anthropospeläologischer Exkursionsführer zu den Höhlen des unteren Inntales zwischen Rosenheim und Kufstein. 
BOD-Verlag, Norderstedt, Mai 2005 ISBN 3-8334-2811-2.
Nähere Informationen und Bestellmöglichkeit unter der Rubrik Literatur (-kauf)  


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