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Peter Hofmann (1998)

Die Wirkungen des Phänomens Höhle - Zitate & Betrachtungen

Du bist eins mit dir selbst, wenn Du das Dunkel durchmißt ... in der Tiefe der Höhle ..

Fernando Pessoa

Was ist nicht alles schon geschrieben und gesagt worden über die Wirkung der Höhle auf das menschliche Individuum, welche Empfindungen geweckt werden, welche Sinneseindrücke (oder auch Sinnestäuschungen) die so gänzlich andere Welt der Höhlen in uns weckt.

Von der Urzeit über die Berichte in der Bibel, weiter über antike Quellen, die Reisebeschreibungen der Romantiker bis zu den modernen, wissenschaftlichen Feldversuchen im Rahmen von Langzeitaufenthalten in Höhlen spannt sich der Bogen.

Es wäre vermessen, auch nur annähernd eine umfassende Darstellung geben zu wollen.

Mit den folgenden Gedanken soll vorrangig eine Einstimmung auf das Thema der Tagung HöRePsy 98 und damit das Thema des vorliegenden Tagungsbandes versucht werden. Ich habe daher versucht, Zitate von Höhlengehern nebeneinanderzustellen, die Empfindungen ausdrücken, die vom Eindruck der Befahrung berichten.

Dabei soll das Thema "Warum geht man in eine Höhle?" ausgeklammert bleiben (es ist Gegenstand einer eigenen Betrachtung). Es geht hier ausschließlich um Zitate, die das psychische, sinnliche Erleben des Begehers erzählen und um die Frage, ob diese Empfindungen bei uns selbst ganz anders oder doch eher ganz ähnlich sind.

Ich habe daher versucht, historischen Berichten zeitgenössische Äußerungen gegenüberzustellen.

Die Höhle als Hilfsmittel zur Inspiration

Zu Beginn aus aktuellem Grunde noch kurz ein Randthema:

Wenn die Höhle psychisch etwas bewirkt beim Menschen, liegt es ja eigentlich nahe, sie bewußt aufzusuchen, um sich dort zu aktiven kreativen Leistungen inspirieren zu lassen. (Ich meine also hier weniger die Höhle als Ort der zurückgezogenen Meditation, des in-sich-Gehens, sondern gerade als Ort des aus-sich-Herausgehens.)

Daß diese Theorie nicht grau und die Höhle als "Denkort", als Platz der Inspiration noch viel zu wenig erforscht ist, illustriert ein Beitrag, den Michael Rahnefeld im Februar 1998 dankenswerter Weise im Internet verbreitete:

Archäologe entdeckte vermutliches Refugium des Euripides

Höhle auf Salamis diente dem antiken Tragiker wahrscheinlich als Schreibstube und Ort der Inspiration (Von AP-Korrespondent Patrick Quinn):

Griechische Archäologen haben auf der Insel Salamis mit großer Wahrscheinlichkeit den Ort entdeckt, an dem der Athener Tragiker Euripides (485 bis 406 v. Chr.) sich vor der Welt zurückzog und sich Anregungen für seine über 90 Dramen holte.

Am Wochenende erklärten die Wissenschaftler, sie seien nun sicher, daß es sich bei der Peristera-Grotte auf der Athen vorgelagerten Insel um das Refugium des großen Dichters handele, dem die Nachwelt Dramen wie "Medea", "Elektra", "Die Troerinnen", "Iphigenie auf Taurus", "Iphigenie in Aulis" und den "Orest" verdankt.

"Es ist die erste Werkstatt ihrer Art, die aus dem antiken Griechenland überliefert ist", erklärte der Leiter der Ausgrabungen, Professor Iannis Lolos.

Wichtiger Anhaltspunkt für die Archäologen war der Fund eines tassenförmigen Trinkgefäßes aus Ton, wie es im antiken Griechenland gebräuchlich war. In diesem schwarz glasierten sogenannten Skyphos, der von den Ausgräbern vor etwa einem Jahr entdeckt wurde, war der Name Euripides eingeritzt.

Lolos glaubt, daß der Dichter durch den Aufenthalt in der Höhle zu wenigstens einer seiner Tragödien, dem "Hippolytos", inspiriert worden ist. Die geographischen Beschreibungen in dem Stück erinnerten sehr an die Lage der Grotte.

"Mein Gefühl als Ausgräber des Gebiets, nicht als Philologe, sagt mir, daß die Inspiration für dieses spezielle Drama dem Dichter in dieser Höhle gekommen ist", sagt Lolos.

Der Archäologe grub mit seinem 20köpfigen Team im letzten Jahr 50 Tage in der Höhle. Es war der Höhepunkt eines Unternehmens, das 1994 seinen Anfang nahm.

Damals hätten ihn seine Studien der Werke des Philochoros, Satyros und des römischen Reiseschriftstellers Aulus Gellius auf die Spur des Euripides gebracht. Darin seien viele Hinweise darauf enthalten, daß die "Schreibstube" des Zeitgenossen Perikles in einer von drei Höhlen auf Salamis gewesen sein müsse. Lolos stützt sich dabei in erster Linie auf die Schriften des Gellius, eines Freundes des Athenischen Aristokraten Herodes Atticus, dem die Nachwelt eine Reihe berühmter Bauten in Athen wie das heute noch bespielte Odeon und die wiedererrichtete Stoa auf der Agora verdankt. Gellius besuchte im zweiten nachchristlichen Jahrhundert die Höhle, die damals noch als Wirkungsstätte des Euripides bekannt war. In römischer Zeit scheint die Höhle eine Touristenattraktion und ein Ort der Euripides-Verehrung gewesen zu sein", erklärt Lolos. Einer der darauf hinweisenden Funde aus der Höhle ist eine aus römischer Zeit stammende Reliefvase mit Abbildungen von Satyrn und Mänaden, die als Begleiter des Gottes Dionysos auf Euripides' Drama "Bakchen" hinweisen. Der Archäologe Charalambos Kritzas, Direktor des Epigraphischen Museums von Athen, hält Lolos Annahmen für stichhaltig: "Wir kennen eindeutige antike Überlieferungen, die von Euripides' Beziehungen zu der Insel sprechen." Dies zusammen mit den Keramikfunden bestärke die Annahme Lolos.

Soweit diese Entdeckung, die doch, wie ich meine, für unser Thema höchst interessant ist.

Eindrücke von Höhlengehern in historischen Zitaten

Zu Beginn des 19. Jh., als die Naturwissenschaften zu blühen begannen, wurde den Höhlen Aufmerksamkeit zuteil. Beim vornehmen Adel war zu dieser Zeit ja das Interesse für die Natur besonders "in".

So kann man sagen, daß um 1800 herum die Begeisterung für Höhlen einen gewissen Höhepunkt erreichte. Zu dieser Zeit erschienen zahlreiche Schilderungen in Reiseführern und Tagebüchern, plötzlich beginnen die Quellen zu sprießen.

Die ausführlichste, mir bekannte Zusammenstellung von historischen Zitaten veröffentlichte Sabine Röder (Röder 1994 in: Luttringer 1994) in ihrem Artikel "Hinab in den Orkus", aus dem ich die meisten der folgenden Abschnitte entnehme.

Wie schon betont, kann es nicht darum gehen, einen möglichst umfassenden Zitatenschatz zusammenzutragen, ich möchte vielmehr einige typische Äußerungen anführen und ganz bewußt nur durch knappe Überleitungen verbinden.

In einem Gedicht um 1800 heißt es:

Er nahte sich verwundert dem unbekannten Schlund,
Es hauchte kalt und schaurig ihn an aus seinem Grund,
Er wollte zaghaft fliehen, doch bannt' ihn fort und fort
Ein lüsternes Entsetzen an nicht geheuren Ort.

Adelbert von Chamisso, Die Männer im Zobtenberg
in: Chamisso: Gesammelte Werke, hrsg. von Otto Flake, Gütersloh 1964, S. 338.

Um die Jahrhundertwende und zu Beginn des 19. Jh. tauchen viele Schilderungen der großen Höhlen des Klassischen Karstes auf.

Karl Schinkel schildert einen Besuch in der Höhle Predjama:

"Trocken und eben ist anfangs der Weg, während das wunderbare Gewölbe bald gegen den Boden sich neigt, bald weh in die Höhle emporsteigt und tausend breite und schmale Spalten und Nebenhöhlen bildet. Die wunderbarsten Gestalten von Tropfstein hängen von der Wölbung herunter oder bilden bunte Figuren auf dem Boden... Man tritt nach dem schauerlichen Übergang des unterirdischen Flusses in den zweiten großen Raum der Höhle, der mit noch weit sonderbareren Gestalten von Tropfstein mannigfalticht wechselt. Die abenteuerliche Zusammenstellung gotischer Säulen, Kanzeln, Glocken, Statuen, Monumenten, über die sich Fahnen vom bunten Gewölbe zu neigen scheinen, macht beim frappenten Schein der Fackeln die schauerlichste Wirkung... Auf dem Bauch windet man sich durch diese Öffnung, das Feuer der Fackeln vor dem Erlöschen wohl bewahrend. Hat man diesen beschwerlichen Weg gemacht, so befindet man sich in einer entsetzlich hohen, schiefen Felsspalte... Der Weg führt der Tiefe zu und wird überaus schlüpfrig, die Massen des Tropfsteins haben hier eine fast weiße Farbe und glänzen bei ihrer Nässe im Feuerschein, beständig tropfendes Wasser durchnäßt die Kleider; empfindliche Kälte und ängstliche Luft umgibt den Wanderer. Zum letzten Mal schließt sich dann das hohe Gewölbe des von der Oberwelt weit geschiedenen Orts und verstattet nicht, tiefer in das Innere der Natur zu dringen. Ein brausender Wind entsteigt aus einer Spalte dem Boden und mehret das Schauerliche der Szene."

Karl Friedrich Schinkel, Reisen nach Italien

Tagebücher; Briefe, Zeichnungen, Aquarelle, hrsg. von G. Riemann, Berlin 1979, S. 32f.

Neben der Schilderung der Naturschönheiten betont er mehrfach die Beschwerlichkeit des Weges und das Schauerliche der Szenerie.

Einem Eindruck, dem wir immer wieder begegnen, auch bei Johann Gottfried Seume:

"Hier thut die Flamme der Fackeln eine furchtbar schöne Wirkung. Man hört das Wasser unter sich, und sieht über sich und rund um sich die Nacht des hohen breiten Gewölbes ... Die magische Beleuchtung der ganzen unterirdischen Brückenregion mit ihrem schauerlichen Felsengewölbe, den grotesken Felsenwänden und dem im Abgrunde rauschenden Strome, macht einen der schönsten Anblicke, deren ich mir bewußt bin."

Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syracus im Jahre 1802, Leipzig

Auch hier wieder: Schönheit und Schauerlichkeit zugleich! Das Gefühl, gleichzeitig angezogen und abgestoßen zu werden von dieser geheimnisvollen Welt, zieht sich als roter Faden durch alle Schilderungen. Die Reihe läßt sich beliebig fortsetzen:

"Heilige Schauer der fürchterlichsten Einsamkeit, tief möglichste Schwärze der Nacht, groß feierliche Todtenstille, hohles, grausendes Wiederhallen der Stimmen und einsames Geräusch der fallenden Wassertropfen! Die unterirdische Welt erscheint nicht anders, als ein Nachtstück voll regellos durcheinander geworfener Partien, voll grausenvoller, fragmentarischer Massen und verzerrter Figuren und Schreckgestalten – zusammengemischt nach den Würfen eines tausendfältig spielenden Zufalls ..."

Christian Friedrich Schröder: Naturgeschichte und Beschreibung der Baumans- und Bielshöhle wie auch der Gegend des Unterharzes, nebst den Jahrbüchern der Bielshöhle von 1788 bis 1796, Berlin 1796, S.109.

Der folgende (unbekannte) Autor hat besonders vielfältige Eindrücke erlebt, unter anderem offensichtlich ein Höhlenkonzert:

"Hier stunden wir eine Zeitlang in stummer Bewunderung. Ein ohne unser Wissen an den äußersten Enden hingestelltes Licht schien wie ein Stern in einer schönen wolkigten Nacht; und ein anderes, das gleich schicklich auf dem Grunde, von wannen wir heraufgestiegen waren, hingestellt war, that eine eben so besondere als furchtbare Wirkung...."

"Wie wir an Land traten (nach einer unterirdischen Bootsfahrt in der Höhle von Castleton, Anm. d. Verf.), glaubten wir in dem ersten Gemach der unterirdischen Gottheiten zu seyn. Nichts ist erstaunlicher als der Anschein dieses furchtbaren Aufenthaltes ... Damit man, hier stehend, das fürchterliche Düstre dieses Schauplatzes recht genießen kann, so brennen rund herum eine Menge von Lichtern, die wie Sterne schimmern und das Schauerliche erhöhen. Lustig genug aber war es anzusehen, wie das Boot wiederkam, und andere Passagiere, die ebenso ausgestreckt lagen, an einer Höhle weiter unterwärts aussetzte, die kaum so groß war, daß ein Mann hineinkriechen konnte."

"Die in tausenderley Gestalten gespaltene gewölbte Decke, die Höhe der Höhle selbst, die Stille des Schauplatzes, ... das alles war eine seltsame Vermischung des Romantischen und Erhabenen. Wir stunden hier stille. Die Lieder wurden langsam und feierlich gesungen. Alles stimmte den Geist zum Nachsinnen. Die Natur erschien in ihrer furchtbaren Majestät vor uns; wir glaubten in eine andere Welt versetzt zu sein."

Anonymer Verfasser: Bemerkungen auf einer Reise durch verschiedene Teile von England, Schottland und Wales; nebst einer Nebenreis in die Höhlen von Inglehorough und Settle in Yorkshire. Leipzig, 1781.

Wenig verwunderlich ist, daß natürlich häufiger auch Vergleiche zu Architektur und bildender Kunst allgemein gesucht werden, wobei fast ausschließlich sakrale Bauten als Vergleiche herangezogen werden::

"Hier stand ich eine Weile voller Bewunderung und Erstaunen über die entsetzliche Höhe des steilen Felsens, den ich vor mir erblickte, an beiden Seiten mit grünem Gebüsch bewachsen, oben die zerfallenen Mauern und Türme eines alten Schlosses, das ehemals auf diesem Felsen stand, und unten an seinem Fuße die ungeheure Öffnung zum Eingang in die Höhle, wo alles stockfinster ist, wenn man auf einmal von der hellen Mittagssonne herunterblickt."

"Und kaum waren wir auch einige Schritte gegangen, so traten wir in einen majestätischen Tempel mit prächtigen Bogen, die auf schönen Pfeilern ruhten, welche die Hand des künstlichsten Baumeisters gebildet zu haben schien. Dieser unterirdische Tempel, woran keine Menschenhand gelegt war, schien mir in dem Augenblick an Regelmäßigkeit, Pracht und Schönheit, die herrlichsten Gebäude zu übertreffen. Voll Ehrfurcht und Erstaunen sah ich hier in den inneren Tiefen der Natur die Majestät des Schöpfers enthüllt, die ich in dieser feierlichen Stille, und in diesem heiligen Dunkel anbetete, ehe ich die Halle dieses Tempels verließ."

Carl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782, Berlin 1783.

Sehr häufig tauchen in den Schilderungen Vergleiche zur antiken Sagenwelt auf, die zweifellos der humanistischen Bildung der Verfasser zur Ehre gereichen:

Ich war im Reiche der Schatten und durchwandelte die Nacht des Erebus. Die stygischen Vögel umflatterten mein Haupt mit furchtbarem Gekrächz. Die Erde öffnete ihren Schoß und umfing mich. Felsen wölbten sich über mir und der Abgrund stürzte hinab in schwindelnde jähe Tiefe, neben dem engen schlüpfrigen Pfade. Ich sah die furchtbaren Schwestern, mit allen Schrecken der Hölle, mit Macht und Mißgestalt gerüstet, die Fäden des Lebens spinnen und messen. Das Auge der Unterwelt liehen sie einander und hoben es hoch empor; um mich zu schauen. – Parzen und Furien zugleich ... Ich ging durch alle Elemente des stets sich wandelnden Chaos ... Meine Lampe erlosch; ich versank in die ewige Finsternis des Tartaros. Mir war es, als nähme mich ein Riese auf die Schultern und trüge mich durch die gähnenden Schlünde. Plötzlich durchleuchtete ein Blitz die schauerlichen Bogen des Felsens; ein krachender Donner betäubte mein Ohr ... Da öffneten sich die Grüfte in der Höhe und helles erquickendes Licht strömte durch die schwarzen Hallen.

Georg Forster; Sämtliche Schriften, 9 Bde., Leipzig 1843, Bd. 3, S.418.

Ob in Gedichtform knapp ausgedrückt, als Prosa, als Vergleich mit Tempelbauten oder Schauplätzen der antiken Sagenwelt: jeder Autor berichtet einerseits vom fremdartigen, unbehaglichem, angstmachenden derHöhle, nur wenige berichten aber gleichzeitig nicht auch von der Faszination des Geschauten, kein einziger läßt anklingen, daß er sein Erleben bereut hätte oder nun von Höhlen geheilt wäre ... Wie schon gesagt: der rote Faden ...

Als einer der wenigen Autoren macht sich Burke (bereits 1757!), der sich generell auf philosophischer Ebene mit den Ideen vom Erhabenen und Schönen beschäftigt, Gedanken, warum die geschilderten, gegensätzlichen Gefühle mit solcher Regelmäßigkeit in Höhlen auftreten:

"In äußerster Finsternis ist es unmöglich, zu wissen in welchem Grad von Unsicherheit wir uns befinden; wir kennen die Objekte nicht, die uns umgeben; jeden Augenblick könnten wir auf ein gefährliches Hindernis stoßen; wir könnten schon beim ersten Schritt, den wir machen, einen Abgrund herabfallen; und wenn ein Feind naht, so wissen wir nicht, in welcher Richtung wir uns verteidigen müssen;... Was die Assoziation von Gespenstern und Klopfgeistern betrifft, so ist der Gedanke, daß Finsternis, weil sie schon ursprünglich eine Idee des Schreckens ist, auch den geeigneten Rahmen für so schreckliche Erscheinungen abgebe, weit natürlicher als der Gedanke, daß solche Erscheinungen die Finsternis erst schrecklich gemacht hatten."

"Wenn in allen diesen Fällen Schmerz und Schrecken so gemäßigt sind, daß sie nicht unmittelbar schaden, wenn der Schmerz keine eigentliche Heftigkeit erreicht und der Schrecken nicht den unmittelbaren Untergang der Person vor Augen hat, so sind diese Regungen, da sie gewisse Teile unseres Körpers – feine oder grobe – von gefährlichen und beschwerlichen Störungen reinigen, fähig, Frohsein hervorzubringen: nicht Vergnügen, aber eine Art von frohem Schrecken, eine Art Ruhe mit einem Beigeschmack von Schrecken. Schrecken aber ist, da er die Selbsterhaltung betrifft, eine der allerstärksten Leidenschaften. Sein Objekt ist das Erhabene, seinen höchsten Grad nenne ich Erschauern"

Edmund Burke, Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen, herausgegeben von Werner Strube, Hamburg, 1980.

Burke äußert da recht moderne Ideen. Nicht primär Geisterglaube läßt uns erschaudern, sondern eben das objektiv ja Unkalkulierbare, Unbeherrschbare des Raums bei Dunkelheit.

Der Selbsterhaltungstrieb wird geweckt und löst jene Nervenanspannung aus, die zu höchster Aufmerksamkeit befähigt, aber auch Schmerz und Furcht mit sich bringt.

Das den Menschen in seiner Existenz bedrohende löst Furcht aus.

Als lustvoller Schauder kann dieses Gefühl nur dann erlebt werden, wenn die Bedrohung nicht wirklich existent ist.

Auch Kant hat sich mit diesen Themen beschäftigt und vom "heiligen Schauer" gesprochen, der den Betrachter ergreift, doch wollen wir die philosophischen Themen an dieser Stelle nicht weiter ausdehnen.

Mir persönlich gefallen am Besten die Texte, in denen das ruhende, zeitlose Element einer Höhle betont wird, vielleicht, weil es sich mit meinen eigenen Empfindungen am ehesten deckt?

Noch einmal Carl Philipp Moritz:

"Dies allmähliche Zunehmen der Dunkelheit erweckt eine süße Melancholie indem man den sanften Abhang der Höhle hinunter geht, als wäre ohne Schmerz und Gram der Lebensfaden abgeschnitten und wandelte man so ruhig dem stillen Land zu, wo keine Qual mehr ist."

Carl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782, Berlin 1783.

... und aus unserer Zeit

Ich glaube, daß jeder, der schon in einer Höhle war, der Aussage zustimmen wird, daß ihn dieses Erlebnis in einer besonderen Weise beeindruckt hat, anders als bei der Besichtigung eines Baudenkmales etwa oder bei der Fahrt durch eine schöne Landschaft.

Jeder hat auch diesbezügliche Äußerungen von Kollegen schon vernommen, insbesondere wenn es das erste Höhlenerlebnis war.

An meine eigenen Eindrücke der ersten großen Höhlenfahrt kann ich mich noch gut erinnern. Ein Freund, der ebenfalls erstmals dabei wer, sprach mir aus der Seele:

"Hier spüre ich die Ewigkeit."

Leider ist es ja etwas aus der Mode gekommen, Tagebücher über derartige Empfindungen zu veröffentlichen – wer hat seine ersten Höhlenerlebnisse schon schriftlich fixiert?

(Vielleicht sind es mehr Leute, als ich glaube, dann warte ich auf Zusendungen!)

Ich habe meine Tourenbücher daraufhin durchforstet und möchte diese Eintragungen, die ich in dieser Form noch nie ausgewertet habe, in Auszügen vorstellen.

Das tiefe Naturempfinden ist auch dem modernen Menschen nicht abhanden gekommen:

Ich habe gemerkt, so eine Höhle besteht nicht nur aus totem Stein, nein, hier scheint alles lebendig zu sein ...

Tourenbucheintrag von Herbert Freund vom 29.11.1981 nach einer dreitägigen Expedition in die Entrische Kirche, Gasteiner Tal.

Auch wird angesprochen, daß die zwischenmenschlichen Beziehungen eine neue Qualität gewinnen können:

"Es war meine erste Höhlentour. Da es zum größten Teil ganz einfach neue Erfahrungen für mich waren, kann ich keinen Vergleich ziehen zu anderen Höhlen und Touren, sondern nur sagen, daß es unheimlich schön war und ich nicht nur ein neues, mir vorher nur von Fotos bekanntes Stück Natur erfahren habe, sondern auch ein neues Stück emotionaler Verbundenheit, das über das normale "Miteinander irgendwas machen" hinausgeht und nur unvollkommen mit dem Wort "Kameradschaft" übersetzt werden kann."

Tourenbucheintrag von Rudolf Baier vom 15.11.1986 nach einer Begehung des Angerlloches, Estergebirge, Bayerische Voralpen.

Und dann taucht sie unvermittelt wieder auf, die alte Wechselbeziehung zwischen Angst und freudiger Erregung: der folgende lyrische Text ist an Aussage wohl kaum noch zu übertreffen:

"Trotz einschlägiger geologischer Erfahrung war diese Befahrung einer sehr engen Klufthöhle ein bereicherndes Primärerlebnis für mich! Nach teilweise steilem Aufstieg tat sich entlang einer ... Störungsfläche ein spitzwinkliges Tor im massigen Kalkgebirge auf, um uns Winzlinge quasi in einen "Urmund" der Mutter Erde aufzunehmen. Wir befuhren ehrfürchtig und erwartungsreich ... diesen geheimnisumwitterten Schlund und stießen nach ca. 4o m an seine geschlossene Kehle. Mit Karbidlampen erleuchteten wir die eisige Finsternis, erblickten und erfühlten feuchtkalt alle Meter eine neue Schöpfung der unbelebten Natur. ...
In Äonen von Jahrmillionen bewirken die Naturgesetze wie unter Führung eines allumfassenden Geistes die harmonische Vielfalt der Formen, die in uns und an uns zur Ehrfurcht aufrufen.
Sei´s auf den Höhen der Berge oder in den Tiefen der Erde, sei´s auf den Ozeanen oder in der trostlosen Wüste, erfahren wir das Wesen unserer natürlichen Umwelt, welche einfach und bedingungslos Harmonie und Frieden verheißt!"

Tourenbucheintrag von Dipl.-Geologe Volker Maak vom 7.9.1983 nach der Befahrung der Höhle am Pumpwerk, Ammergauer Alpen

Eine interessante, verfolgenswerte Theorie scheint mir im Übrigen zu sein, daß sich das geschilderte harmonische Erleben von Natur (fast) ausschließlich in natürlichen Höhlen einstellt.

Das Empfinden in künstlichen Hohlräumen, Bergwerken, Bunkern oder ähnlichem ist meiner Erfahrung nach ein gänzlich anderes.

Ich kenne eigentlich niemand, der sich in einer solchen Umgebung nicht eher unwohl fühlte, und zwar ohne daß dieses Unwohlsein sich in Begeisterung wandelt, wie in Höhlen meist der Fall.

Folgender Tagebucheintrag nach der Befahrung von Kunstbauten, die im Krieg zur Rüstungsproduktion dienten, ist dafür ein Beispiel:

Auch mir ward Angst und Unbehagen beim Begehen dieser Räume, phantastische Vorstellungen und Bilder aus der Geschichte, von Gehörtem, nichts Gewachsenes, Gewordenes ist hier, überall scheint das Gespenst der Vernichtung zu lauern. Dennoch treibt die Neugier uns voran: was mag hier früher alles passiert sein?

Im Schein des Magnesiumfeuers entdecken wir noch drei weitere Gänge – doch wir forschen nicht weiter – das Unbehagen ist zu groß.

Wie wohl fühlt man sich doch dazu im Vergleich in einer Naturhöhle: hier ist man vollends fasziniert von allen Formen, Tropfsteinen, Sinterbildungen! Hier ist ein anderer Schöpfer am Werk gewesen!

Tourenbucheintrag von Jutta Witteck vom 12.9.1993 nach der Befahrung der Kunstbauten am Laber bei Oberammergau

Doch, wie schon gesagt, diese Theorie führt in eine neue Richtung.

Ebenfalls ein eigener, bislang kaum beachteter Aspekt scheint mir zu sein, wie und auf welche Weise das Erleben von Höhle noch gesteigert werden kann.

In den historischen Berichten ist gelegentlich von Illuminationseffekten die Rede, die solches bewirken.

Sehr dankbar bin ich für die folgende persönlich Mitteilung von Dr. Walter Kick, einem Teilnehmer an einer Höhlenmeditation im Rahmen der Tagung HöRePsy 1995:

Wir haben kurz vor Ende unseres Treffens in Weißenhorn (gemeint ist das 8. Treffens von HöRePsy, Anm. d. Verf.) von unserem Erlebnis der Höhlenmeditation damals vor 2 Jahren gesprochen, als wir auf der Würgauer Hütte (6.-8.4.1995) waren. Wir besuchten ein paar Höhlen und hielten in einer sogar eine "Musikmeditation" ab, basierend auf den "Chakras". Ich habe mir damals , als alles noch frisch war, ein paar Notizen gemacht und möchte Dir davon berichten:

"Ich versuchte unvoreingenommen zu sein und war dann doch sehr überrascht nach diesen 20 Minuten der Musik und totalen Finsternis. Der Boden der Höhle war uneben und leicht abgeschrägt. Sobald das Licht ganz aus war, ist es da nicht ganz leicht, das Gleichgewicht zu halten. Unwillkürlich gerät man ins Schwanken. Zum Anhalten gab es nichts und ein Sitzkissen hatte ich nicht dabei (der blanke nasse Boden war mir zu gefährlich!); so blieb ich stehen. Dann kam die Musik mit zunächst kurzer Anleitung, die Höhenlage der Chakras betreffend. Und tatsächlich, ich fühlte die Schwingungen von der Lendenwirbelsäule zum Scheitel auf- und dann wieder absteigen; es war mir, als schwinge ich um diese Zentrum und sei dort festgemacht, um nicht umzukippen. Ich versuchte nicht mehr krampfhaft mein Gleichgewicht zu halten, ich hing gleichsam im Zentrum wie in einem Fixpunkt fest, wie physikalisch gesehen im ruhenden "Knotenpunkt", wobei der Teil darüber und darunter in Schwingung war, zuletzt wie aufgehängt am Scheitelpunkt des Schädels.

Und als die Musik wieder dumpfer wurde und die Chakras nach unten wanderten und ich subjektiv im letzten Chakra schwang, da bekam ich urplötzlich Angst, es könnte noch tiefer gehen, wo ich doch schon unten angelangt war und für mich kein Platz mehr war, wohin ich hätte noch weiter absteigen können. Und ich war froh, daß ich richtig "gezählt hatte" und es nicht mehr tiefer ging.

Ich fühlte mich am Ende körperlich erholter, und auch der Gruppengeist war entspannter, als wir die Höhle wieder verließen".

Meditation als bewußtseinserweiternde Methode in der Höhle?

Der Beitrag von Franz Lindenmayr in diesem Band führt diese Gedanken fort.

An dieser Stelle sollen sie nur als Ausblick auf die unendlichen Möglichkeiten dieses Themas dienen.

Fazit:

Die Höhle und ihre Wirkung ist "zeitlos"

Die bildreiche, romantisierende Sprache der Reiseschriftsteller des 19. Jhd. mag uns heute übertrieben oder gar lächerlich erscheinen. Zu den antiken Vergleichen haben wir nicht denselben Bezug wie die humanistisch gebildete Oberschicht der damaligen Zeit, für die diese Berichte gedacht waren. Wir haben generell nicht dieselbe Auffassung von Sprache, weil wir von Informationen, insbesondere von Bildern überflutet sind, dank Medien, die erst unseren Generationen zur Verfügung stehen.

Wenn wir aber das Destillat aller Berichte nehmen, so denke ich, ist es nicht vermessen zu sagen, daß der heutige Mensch die Empfindungen der zitierten Berichterstatter genauso nachfühlen kann.

Wie gesagt, wir haben vielleicht andere Motive, in die Höhlen hinunterzusteigen – das meine ich nicht so sehr.

Vielmehr meine ich, daß das, was das Phänomen Höhle in unserer Psyche "anrichtet", gewissen archetypischen Urformen folgt, die der Mensch in lächerlichen 200 Jahren nicht ablegt.

Das gänzlich andersartige, das ja immer etwas Bedrohendes birgt, gleichzeitig aber auch interessant erscheint, eben weil es so ist, mag im Menschen schon immer gegensätzliche Gefühle erzeugt haben. Warum dieses gegensätzliche Gefühl aber in der Höhle eine ganz besondere Dimension hat, und zudem gleichzeitig von der Ebene "Harmonie und Friede, eins mit der Natur" überlagert wird, darüber kann man trefflich diskutieren.

Alle, die Höhlenerfahrung haben, kennen dieses Gefühl, allen anderen ist es schwer zu erklären.

Ich denke, es muß eine Bewußtseinsdimension dahinterstecken, die noch viel tiefer im Menschen verborgen ist, als wir es wahrhaben wollen.

Schon denkt man an die Prägung des Menschen durch seine Frühzeit, Urinstinkte, Höhlenkulte, Entstehung von Religion generell, ...

Aber die Ausführungen sollten ja eigentlich nur eine Einleitung zum Thema werden.

Die Diskussionen im Rahmen unserer Tagung werden sicher noch einige Gedanken beitragen. Sicher lohnt es sich zu gegebener Zeit, darüber wieder einmal zu berichten.

Literatur:

Luttringer, Klaus (Hrsg., 1994) Zeit der Höhlen

Rombach Wissenschaft, Reihe Litterae, Rombach-Verlag, Freiburg im Breisgau

Röder, Sabine (1994) Hinab in den Orkus
In: Luttringer (1994) S. 57-87


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