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Reinald Grüning

Höhle und Suizid

Höhle und Suizid was soll das ?

Es soll hier nicht um den Suizid in der Höhle gehen, sondern um bewußte oder unbewußte Impulse, die der Höhlengänger und der Suizidant gemeinsam haben.
Gibt es überhaupt einen Zusammenhang, kann man Parallelen erkennen oder kann die Frage nach dem "warum gehen wir in die Höhle " so nicht gestellt werden ?

Der Philosoph Blaise Pascal hat gesagt " Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt ". Gibt es Gründe, die in diese Richtung gehen ?

Dieser Versuch erhebt keinen Anspruch auf eine vollständige Abhandlung dieses Themas und ist nur als Arbeitspapier zu betrachten. Als Gedanke, den man zusammen aufnimmt, "den Tod (Suizid) riskieren und das Leben gewinnen".

1. Der Suizid

Im deutschen ist der Suizid eine absichtliche Vernichtung des eigenen Lebens.

Latein : sui = seiner, sich; zid = gegen oder sui cidum = Selbsttötung. Englich: suicide = Freitod.

Bei der Selbsttötung oder dem Selbstmord scheiden sich die Geister. Ist es Mord, also eine strafbare Handlung?

In den Apokryphen und in der Bibel gibt es kein ausdrückliches Verbot, wie im Koran oder Talmud.

Auf dem Konzil von Arles 452 wurde erklärt: " Der Selbstmord ist ein Verbrechen" . Ein Jahrhundert später wird dem Suizidtoten ein christliches Begräbnis verweigert. Das Konzil von Nimes 1184, macht den Suizid zu einem Teil des kanonischen Rechts ( = kath. Kirchenrecht ).

Er ist der " furor diabolicus ".

Durch die Verflechtung kirchlicher und staatlicher Macht wurde der Suizid in vielen europäischen Staaten durch gesetzliche Bestimmung zur Straftat.Während der Revolution im Jahre 1790, streicht Frankreich den Suizid von der Liste gesetzlicher Verbrechen, Preußen folgt ein Jahr später, Österreich schließt sich im Jahre 1850 an und der letzte europäische Staat war England 1961.

Um 1900 wird der Suizid zur Geisteskrankheit oder wie es Ringel 1953 formuliert der Abschluß einer krankhaften Entwicklung. Jeder 67. Mann und jede 143. Frau beenden ihr Leben durch den Freitod. Das sind mehr als doppelt soviel Männer als Frauen, bei den Männern nimmt das Suizidrisiko im Alter zu, bei den Frauen nimmt es ab.1991 waren es über 1400 Suizide bei den Männern.

Der Suizid als geplante Handlung ist nicht so häufig, wird aber in der Vorstellung, erlebt. Der Suizidant sieht sich am eigenen Grab und hört alle Freunde und Angehörigen, ihre Reue, ihre Selbstanklagen. Er erlebt sich nicht tot.

Auch der Suizid als Impulshandlung zeigt eine Ambivalenz des Suizidanten, hinsichtlich seines Wunsches zu sterben. Nur in den allerseltestensten Fällen ist die Suizidabsicht eindeutig und endgültig. 68-80% der Suizidanten die in eine Klinik kommen, korrigiern in weniger als zwei Tagen ihre Absicht. In weniger als zehn Tagen tun dies 90-99%.

Nach Karl Menninger gehört auch die verzögerte Selbsttötung, wie Magersucht, Drogen-, Alkohl- und Medikamentenkonsum, auch riskante sportliche Aktivitäten, wie Autorennen,

Drachenfliegen und Bergsteigen dazu.

Gehören gewagte Höhlentouren auch hier her?

E. Stengel definierte : " Eine auf einen kurzen Zeitraum begrenzte, absichtliche Selbstschädigung, von der man nicht wissen kann ob man sie überlebt oder nicht".

Ich möcht hier nicht mit irgendeinem Beispiel hantieren und es soll hier auch nicht um allgmeine Gefahren gehen, sondern um das bewußt oder unbewußt in Kauf genommene Risiko, das man durch eine entsprechende Ausrüstung minimieren kann, aber das Risiko bleibt. Wie das Schwert des Damokles, das an einem Pferdehaar über den Akteuren hängt.

In einem Gedicht von J. W. von Goethe heißt es "Selige Sehnsucht".

Sagt es niemand, nur den Weißen. Weil die Menge gleich verhönet,
das lebendige will ich preisen, das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung, zeugte wo du zeugtest.
Überfällt mich Fremdefühlung, wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen in der Finsternis Beschattung
und dich reisset neu Verlangen, auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig, kommst geflogen und gebannt
und zuletzt des Lichts begierig, bist du Schmetterling verbrannt.
Wenn du dies nicht hast, dieses für und werde,
bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.

Gibt es eine unbewußte Sehnsucht nach dem Tod ?

Freud spricht vom Dualismus, der Eros oder Lebenstrieb und der Todestrieb zwei Urtriebe.

Die menschliche Existens ursprünglich verinnerlicht, tritt nach außen als Aggression (er muß sich behaupten), ist das Hindernis zu groß, geht die Aggression wieder nach innen. Der Körper will zu seinem anorganischen Zustand zurück. Diese Selbstzerstörung ist in jedem vitalen Prozeß unbedingt vorhanden, als Folge des Prinzips des Wiederholungszwangs.

Jürgen Kind schreibt in seinem Buch,"Suizidal" (Untertitel "Die Psychoökonomie einer Suche"):

Der Suizid ist nicht pathologisch per se, sondern eine Funktion, die auch stabilisierend wirkt. Hier ist der Suizidant nur für sich verantwortlich, er nimmt sich selbst als Geisel, um ein ausserhalb liegednes Objekt zu einer Handlung zu bewegen.

2. Die Höhle

Ich gehe in die Höhle und bürge mit meinem Leben, ich bin für mich verantwortlich. Alle Handlungen entscheide ich allein, es gibt kaum eine Fremdbestimmung. Was auch geschieht, ich bin der Urheber und wenn ich überlebe waren meine Handlungen richtig, wie auch beim Suizidant. Denn jetzt hat er die Möglichkeit sein Leben zu ändern, er hat Abstand zu seinem alten Leben.

Aber bleiben wir erstmal beim "in die Höhle gehen" und dem warum.

Hans Blumenberg schreibt in seinem Buch "Höhlenausgänge", im ersten Teil 5. Kapitel "Zuflucht aus der Sichtbarkeit". Die Auffälligkeit des aufrechten Ganges und durch die Wehrlosigkeit seiner unspezifischen organischen Ausstattung, ist der Mensch anfällig für die Lockung der Rückkehr in die Höhle.

Sie ist die einzige Erfüllung eines tief in seiner Gattungslage verwurzelten Wunsches nach Unsichtbarkeit.

Die Höhle als Versteck, als kleiner Tod ?

Bei "Klein und Wagner", von Hermann Hesse, vereinigt sich der Suizidant über das Wasser mit dem Kosmos und Gott. Wasser das Element des Lebens, es trägt und umfängt uns.

Die Rückkehr in den Schoß der Erde, in die Gaja, die Muttererde.

Bei Jürgen Kind ist der Verschmelzungstyp eher pathologisch, weil der Suizidant in seiner Todessehnsucht ein Objekt sucht, das Qualitäten aufweist, die unter normalen Menschen für ihn nicht mehr zu finden sind.

Gehen wir von einer unbewußten Todessehnsucht aus, die sich in Beziehung setzt zum Leben, also eine Verschmelzung im Sinne von Verbundenheit zur Natur oder Gott haben wir ein anderes Ergebnis. Wir haben uns selbst als Geisel genommen, damit das Objekt, die Höhle, sich zeigt und es kam zur Verschmelzung, die wir als Erinnerung in uns tragen.

Zu abgedreht?

Sei`s drum, wir sollten darüber reden.

In engen Höhlen, in denen man sich nur durch kleinste Körperbewegungen, manchmal nur noch mit Atemtechnik weiter kommt, ist diese Verschmelzung spürbar. Man ist an den Grenzen seiner physichen und psychischen Kraft, nur der Wille treib einen weiter.

Bei Höhlentauchen ist es ein gleitenesschweben, die Grenzen sind fließend und man verliert leicht jede Orientierung. Hier ist alles in das eigene Atemgeräusch eingeschlossen, umfangen von Wasser, wie im Uterus, nur hier sind die Wände aus Stein

Die Auferstehung, Geburt oder das Sichtbarwerden, bedeutet nicht nur Neuanfang sondern auch Schutzlosigkeit.

Wir müssen uns eingliedern in den Alltag.

So ist unser Leben
wohin wir auch streben,
woher wir auch kommen,
vom Leben benommen.
wie eine Fahrt mit dem Boot,
mit vollen Segeln in den Tod
Geboren und Leben,
sich Täglich erheben,
kann nirgends bleiben,
und lasse mich treiben.
nicht immer im Lot,
in den sicheren Tod
Je länger wir Leben,
was wir auch geben,
je sicherer der Tod,
doch hab keine Not.
Wir werden uns erheben,
bei Gott werden wir leben.

Ist der stellvertretende Suizid, in welcher Form auch immer, ein Ausleben unserer zwei Urtriebe, die auch stabilisierend wirken ?

Ist es unser Anspruch, alles unter Kontrolle zu haben, ich bestimme Zeit und Ort ?

Nach dieser Erkenntnis bleibt dem Suizidanten und auch dem Höhlengänger nur die Wiederholung des immer gleichen, oder eine neue Sinnfindung. Für den Suizidanten sicher wünschenswert, ich bleibe bei den Höhlen.

Glück auf !


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