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Peter Hofmann (2000)

Am Anfang war die Höhle...
Gründer großer Religionen und ihr Bezug zur Höhle: Eine auffällige Parallele 

Bei seiner Jubiläumstagung 1999 hat sich der Arbeitskreis Höhle, Religion und Psyche  zusammenfassend mit den "Höhlen in den Weltreligionen" als Leitthema beschäftigt, sicher eine gute Symbiose vieler, in früheren Tagungen bereits angesprochener Themen.

Auch in der Tagungsmappe 1999 fand dies seinen Niederschlag, erfreulicherweise bietet sie wirklich eine ausführliche Zusammenschau praktisch aller Weltreligionen und ihrer Bezüge zur Höhle, wie sie in dieser Form vielleicht bislang noch gar nicht vorgelegen hat.

Bei der Lektüre fällt auf, dass nicht nur in den einzelnen Religionen, in ihren Mythen heiligen Büchern, in Riten und Bräuchen, in heiligen Orten, Tempeln und Kirchen das Phänomen "Höhle" vorkommt, sondern dass die Höhle in erstaunlich engem Zusammenhang gerade mit den Gründern bzw. zentralen Personen der jeweiligen Religionen steht.

Diese Erkenntnis reizt natürlich zu einer zusammenfassenden, sozusagen übergeordneten Betrachtung und der Verfolgung der These:

Höhle als Ursprung der Religion (?)

Auch auf die Gefahr der Wiederholung hin, möchte ich nochmals die wesentlichsten diesbezüglichen Aussagen anführen, die, angereichert mit einigen zusätzlichen Gedanken, damit auch eine Art Resumée der Tagung 1999 – aus der persönlichen Sicht des Autors natürlich – darstellen.

Jesus in der Höhle - Das Christentum

Bei unseren Betrachtungen der Bibel (Hofmann 1999, S. 95 ff. ) haben wir festgestellt dass die beiden wesentlichsten Ereignisse des Neuen Testamentes in Höhlen stattgefunden haben: Geburt und Auferstehung Jesu !
Der Begründer des Christentums, nach christlichem Glauben der Sohn Gottes, wurde in einer natürlichen (Halb-)höhle geboren.
Man kann darin eine Verstärkung Symbolik dieser Geburt sehen, wenn man bedenkt, daß ja der Geburtsvorgang selbst für das Kind das Heraustreten aus der schützenden Höhlung des Leibes bedeutet.
Mit der Geburt Jesu beginnt die christliche Zeitrechnung (wie wir wissen, stimmt die Datierung nicht ganz, Jesus wurde einige Jahre vor dem Jahr 1 geboren, aber das ist für die Aussage unwesentlich). Diese Zeitrechnung ist die, die sich insofern weltweit durchgesetzt hat, als zwar verschiedene Volks- bzw. Religionsgruppen wie Moslems und Juden offiziell an einer anderen Zeitrechnung festhalten, aber sich als übergeordnete Recheneinheit an "unserer" Zeit orientieren, z.B. zeigen weltweit alle Computer die "christliche" Zeit.

Das zentrale Geschehen des Christentums ist die Auferstehung aus der Grabeshöhle. Der Kreis schließt sich. Bei den Grabhöhlen zur Zeit Jesu handelte sich um begehbare Räume, die meist künstlich angelegt wurden.

Der Aufenthalt des Propheten in der Höhle - Der Islam

Im Islam ist, wie wir bereits ausführlich beschrieben haben (vgl. Hofmann 1999 S. 106), dass der Prophet Mohammed auf seiner Flucht von Mekka nach Medina mit seinem Gefährten Abu Bekr, der den Propheten auf der Flucht begleitete, in einer Höhle Zuflucht fand.
Diese Flucht fand am 16. Juli des Jahres 622 (nach christlicher Zeitrechnung) statt und ist, wie wir wissen, das wichtigste Ereignis im Leben des Propheten.

Deshalb – siehe da, welche Überraschung – beginnt mit dieser Flucht die islamische Zeitrechnung.

Die Höhlengeburt des Zeus – Die Griechische Mythologie

Gehen wir in der Geschichte weit zurück und werfen wir einen Blick auf die griechische Mythologie.
(Vgl. dazu die ausführlichen Darstellungen in Hofmann 1995 S. 34 ff)
Zeus, den wir alle als Göttervater kennen, war ja nicht von Anfang oberster Herrscher.
Am Anfang war vielmehr zunächst das Chaos, die grenzenlose Leere. Daraus entstanden Gäa, die Erde und Eros, die Liebe. Gäa zeugte mit sich selbst Pontos, das Meer und Uranos, den Himmel.
Dann vereinigte sie sich mit Uranos und gebar die zwölf gewaltigen Titanen und die drei einäugigen Kyklopen.
Als Uranos seine eigenen Kinder zu mächtig wurden, begann er, sie in den Tartaros zu werfen, in den Abgrund unter der Erde.

Gäa überredete daraufhin den jüngsten Sohn, Kronos, Uranos zu stürzen. Das tat er, hatte aber danach Angst, seine eigenen Kinder könnten es mit ihm genauso machen und verschlang sie deshalb alle.

Als seine Frau, Rhea, wieder einmal gebären sollte, stieg sie daher auf die Insel Kreta hinunter und gebar ihren Sohn Zeus (lat. Jupiter) in einer Höhle, wo ihn Kronos nicht finden konnte. In einer zwei- ten Höhle wuchs Zeus heran, von Nymphen bewacht und von der Ziege Amalthea gesäugt.

Gleich zweimal ist also von einer Höhle die Rede, allerdings sind die verschiedenen Darstellungen der Sage nicht ganz einheitlich. So ist nicht ganz klar, ob es sich wirklich um zwei verschiedene Höhlen handelt oder auch nur um eine Höhle.

Aber halten wir fest: Wieder wurde die wichtigste Person der Götterwelt der alten Griechen, der Göttervater selbst, in einer Höhle geboren!

Der römische Gott Mithras, der Felsgeborene

Springen wir an dieser Stelle gleich zu den alten Römern.

Zwei Beiträge im Tagungsband 1999 (Regine Glatthaar, 1999, S. 69 ff. und Franz Lindenmayr, 1999, S. 78 ff. ) beschäftigen sich mit dem Mithraskult, der römischen Staatsreligion bis ins 3. Jahrhundert., die dann vollständig vom Christentum verdrängt wurde und unterging.
Der Gott Mithras wurde aus dem Fels geboren. Er tötete den Urstier, wodurch alles Leben entstand.
Die Tötung dieses Urstieres ist die Darstellung, die sich auf praktisch allen erhaltenen Mithrasreliefs in den entsprechenden Heiligtümern findet. Über dem Gott ist stets eine Art Gewölbe abgebildet, bislang meist als Höhle gedeutet. Wie Lindenmayr schreibt, mehren sich zwar die Zweifel, ob nicht auch einfach das Himmelsgewölbe gemeint sein könnte – auch dafür gibt es gute Gründe.

Ohne diesen Streit schlichten zu wollen, ist aber doch allein über die Felsgeburt des Gottes, (die ja immerhin auch eine "Geburt aus dem Inneren der Erde" ist und damit einer Geburt in einer Höhle in gewisser Weise vergleichbar) ein Bezug zu unserem Thema vorhanden. Einige Kultstätten, die heute noch bekannt sind, liegen vor Felswänden, in Halbhöhlen und mehrmals auch in "richtigen" Höhlen, so dass man doch, wie ich meine, schließen darf, dass zumindest teilweise auch zur aktiven Zeit dieses Kultes ein deutlicher Höhlenbezug bestanden hat.

Die Lehrzeit des Buddha in der Höhle – Der Buddhismus

Die fernöstlichen Religionen sind nicht ganz so einfach zu analysieren, teilweise taugen sie für unser Thema auch nicht so gut, das sie keinen Religionsgründer kennen, wie der Hinduismus, oder keine personifizierte Gottheit kennen, wie der Taoismus.

Etwas ergiebiger ist da ein Blick auf den Buddhismus:

"Aus dem indischen Bereich ist ein früher Nachweis auf die kultische Nutzung von Höhlen in der Legende um den Religionsbegründer des Buddhismus, Gautama = Buddha zu finden. Nach der Überlieferung schloß sich Gautama in seinen jungen Jahren zwei brahmanischen Lehrern, Alara und Udraka an, die in Höhlen der nördlichsten Ausläufer der Vindhya Berge als Einsiedler lebten, um die Hinduphilosophie zu studieren.

Diesem Beispiel folgend, nutzten seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert buddhistische Mönche Höhlen zum Zwecke der Meditation.

Aus diesen Einsiedeleien in Höhlen oder künstlich aus dem Gestein geschrämmten Felszellen entwickelten sich vorerst im Einzugsgebiet der indischen Kultur unterirdische Kloster- und Tempelanlagen. Die buddhistische Höhlenarchitektur dauerte in Asien vom dritten vorchristlichen bis in das 14. Jahrhundert. Tausende sakrale Anlagen wurden in diesem Zeitraum aus dem Fels geschrämmt, und zwar in einem geographischen Bereich, der sich vom heutigen Afghanistan über Indien, China bis nach Japan und über Hinterindien bis in den Sundaarchipel erstreckte.

Bis in unser Jahrhundert wirkte der Buddhismus in einer ungebrochenen Diffusion in vielen dieser alten Anlagen fort.

Die Höhlen wurden so zum Bewahrer jahrtausendealten Kunstschaffens und vermitteln uns heute in unversehrter Weise einen Einblick in die Entwicklung der frühen Hochkulturen des asiatischen Kontinents"

(Kusch 1993 S. 83-84)

Wieder steht also ein Religionsbegründer in engstem Zusammenhang mit Höhlen, in denen er sicher einen Gutteil seines Wissens erwarb, das in seine Lehre einfloss.

Die Göttin Ameratsu – Der Shintoismus

Noch etwas ferner liegt dem mitteleuropäischen Menschen zweifellos der Shintoismus, um so mehr gebührt Monika Löffelmann Dank, dass sie sich auch dieses Themas akribisch angenommen hat (Löffelmann 1999).

Interessant ist die Erzählung über die Göttin Amaterasu. Sie war streng und keusch und lebte zusammen mit ihren Zofen in einer Grotte. Jeden Tag webten sie ihr einen Kimono in der Farbe des Wetters. Immer morgens verließ Amaterasu ihre Grotte, um die Erde zu beleuchten – bis zu dem Tag, an dem ihr unausstehlicher Bruder Susanoo, der Gott des Mondes und der König des Meeres, ihr einen Streich spielte, indem er ein gehäutetes Pferd auf die Webstühle der Weberinnen warf. In heller Aufregung drängten sich alle aneinander, und eine der Zofen durchstieß dabei mit ihrem Weberschiffchen ihr Geschlecht.
Sie starb.
Amaterasu fand natürlich keinen Geschmack an diesem Streich: Sie mochte kein rohes Pferd. Grollend zog sie sich in ihre Grotte zurück, und das Licht verschwand.

Auf der Welt entstand Panik, sogar unter den Göttern und Göttinnen im Himmel, die nun ebenso wenig sahen wie die Menschen. Sie waren erschüttert, berieten sich und heckten eine List aus. Sie baten Uzume, die komischste aller Göttinnen, sie alle vor der verschlossenen Grotte zu unterhalten, in deren Innern Amaterasu schmollte. Uzume hob ihr Kleid und begann fröhlich zu tanzen, während sie ihr Hinterteil und ihr Geschlecht unter witzigen Grimassen zur Schau stellte. Sie war so lustig, daß die Götter in dröhnendes Gelächter ausbrachen.

Amaterasu hielt es vor Neugier nicht mehr aus: Sie schob den Stein beiseite, der den Eingang zur Grotte verschloß, und die Götter hielten ihr einen Spiegel vor, in dem sie eine wunderschöne Frau erblickte. Sie war so überrascht, daß sie noch weiter aus ihrer Grotte herauskam, und da fingen sie die Götter an den Zipfeln ihres Kimonos.

Auf diese Weise hatte Amaterasu für immer ihre Grotte verlassen. Die Welt war gerettet. (Frei zitiert nach Clement 1998)

Diese Geschichte ist sicher eine der außergewöhnlichsten. Durch Geschehnisse, die in engstem Zusammenhang mit der Höhle stehen, wurde die Welt errettet, indem ihr das Licht zurückgegeben wurde!

Die Höhle als Urprägung des Menschen

Fassen wir zusammen:

allein bei den sechs betrachteten, grundsätzlich verschiedenen Religionen beginnt

Nebenbei bemerkt: wenn schon die höchsten Repräsentanten der Religionen so intensiven Kontakt mit der Höhle haben, wie viel weniger verwunderlich ist es dann, dass, wie wir ja wissen, es Höhlenkirchen und -tempel, Höhlenmythen und heilige Frauen und Männer mit Bezügen zu Höhlen in jeder der Religionen zuhauf gibt. (Im Beitrag "St. Wolfgang – Der Bischof aus der Höhle" an anderer Stelle in diesem Tagungsband haben wir dafür gleich ein Beispiel aus dem christlichen Bereich.)

Dies führt natürlich zur Frage, ob dem ein Grund, ein "Gesetz" zu Grunde liegt, das über alle Religionen hinweg gilt, so unterschiedlich diese in ihrer individuellen Ausprägung auch sein mögen.

Und ich glaube, diese Frage kann man positiv beantworten – und die Zusammenhänge sind auch gar nicht so komplex.

Wie man dem an diesem Thema interessierten ja kaum explizit beweisen muss, spielt die Höhle in der ganzen Menschheitsgeschichte eben eine so große Rolle, dass man einen prägenden Einfluss auch auf den Menschen selbst zwingend annehmen muss.

Der Mensch hat im Laufe seiner Entwicklung das Phänomen Höhle in all seinen Ausprägungen intensiv kennengelernt. Er wurde in der Höhle geboren und ist darin gestorben, er hat dort gewohnt und gelebt, er hat ihre Vorzüge, aber auch ihre Mystik und Geheimnisse erfahren, er hat dort Schutz gesucht und sie wurde ihm bisweilen zur Falle.

Die Höhle als Ursprung von Religion?

Spätestens an dieser Stelle wird es nun Zeit, aus dem Gemeinschaftswerk : Kinder der Höhle der drei Autoren Doris F. Jonas, Richard Fester und A. David Jonas ausführlich zu zitieren, das für unseren Themenkreis eine Fülle von Gedanken anbietet.

Doris F. Jonas führt ein generell interessantes Indiz ins Feld:

" Wenn wir hier über den Einfluss der Höhlen auf die Denkweisen und Kulturen schreiben, dann müssen wir uns immer wieder einmal an die gewaltigen Zeiträume zwischen der frühen Niederlassungen in Höhlen etwa in Choukoutien (und anderen unbekannten, aber vielleicht noch früheren Siedlungen) und jenen Kulturen besinnen, die durch die vergleichsweise hochentwickelte Höhlenkunst des späten Paläolithikum der letzten Eiszeit in Europa vor 38 000 bis 35 000 Jahren belegt sind.

Diese Zeitspanne übersteigt um mehr als das Zweihundertfache die Zeit, die uns vom kaiserlichen Rom trennt.

Wenn wir uns überlegen, welche Veränderungen in diesen nur 2000 Jahren seither stattfanden, dann gewinnen wir eine Vorstellung von dem Ausmaß der Veränderungen, der Entwicklungen und Verfestigungen, die durch das Laben in Höhlen und dessen Wirkungen herbeigeführt wurden."

(Jonas, Fester, Jonas 1980, S. 46)

Auch ist das heute noch bestehende Gefühl des Menschen, wenn er eine Höhle besucht, ein Hinweis. Damit ist weniger das Interesse an Schauhöhlen allgemein gemeint, das könnte nur ein Teil des Interesses an spektakulärer Natur generell sein. Vielmehr äußern die meisten Besucher übereinstimmend ein Gefühl von Erhabenheit, Staunen, Zeitlosigkeit, Entrücktheit, Ehrfurcht, In-einer-anderen-Welt-sein, das man am ehesten mit religiösem Gefühl umschreiben könnte – wie es sonst nur in Tempeln und Kirchen auftritt.

David Jonas treibt in seinem Beitrag die These noch weiter. Menschen wohnten ja nicht von Anfang an und nicht überall in Höhlen, irgendwann entdeckten sie aber die Vorteile von Felsdächern und Höhleneingängen. Zweifellos wurden etwas weiter zurückspringende Partien auch von den Frauen zur Geburt genutzt. Die Höhle hat ihre Funktion als Schutzraum erhalten! Liegt dort die enge Verbindung von Frau und Höhle begründet ??

David Jonas verfolgt diese These und trifft letztlich die Aussage.

"Wir können mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die ersten Höhlenforscher Frauen waren."

(Jonas, Fester, Jonas 1980, S. 145)

Er entwirft dafür sogar eine interessante Szenerie:

"Einige Frauen sind vom Sammeln zurückgekehrt. Sie werfen Holz ins Feuer und machen sich daran, die gesammelten Wurzeln und Knollen zu zerstampfen. ...

Die Männer sind abwesend, sind auf der Jagd nach Wild. In einer Ecke ihres Wohnplatzes befindet sich eine dunkle Öffnung, aus dem Spalt im Felsen weht eine ständige kühle Brise.

Die Frauen fürchten sich davor und warnen ihre Kinder immer wieder, sich da hineinzuwagen. Aber jetzt hat einer der Jungen herumgetollt und etwas angestellt, für das er Bestrafung fürchtet. Er verschwindet in der Dunkelheit des Berges.

Die Zeit vergeht, ohne dass er wieder zum Vorschein kommt. ... Trotz ihrer Furcht ergreift eine Mutter ein Bündel Zweige und entzündet es am Feuer. Vorsichtig leuchtet sie sich ihren Weg in die so sehr gefürchtete Dunkelheit, ruft und lauscht. Bald darauf gibt das Kind Antwort und wird zum Wohnplatz zurückgebracht.

Wiederholte Vorkommnisse dieser oder ähnlicher Art vermindern die ursprüngliche Furcht vor dem mysteriösen Durchgang, bis eine der jüngeren Mütter, von Neugierde getrieben weiter in die Höhle hinein eindringt als irgend jemand vor ihr. Während sie so ihren Weg durch die Dunkelheit vorwärtstastet, nur sparsam erleuchtet von der rötlichen Flamme stark harzhaltigen und daher langbrennenden Holzes, erlebt sie erregende Gefühle, die ihr bis dahin völlig fremd waren."

(Jonas, Fester, Jonas 1980, S. 139)

Mag man nun eine solche Hypothese auch für ein wenig arg phantasievoll halten, so kann man doch kaum widersprechen, dass die Kette logisch ist und fortgeführt werden kann.

Zweifellos hat ein solcher Besuch auf den Frühmenschen eine besondere Wirkung gehabt. Wie man ja in Laborversuchen nachstellen kann, kann der Wegfall gewohnter Seh- und Sinneseindrücke ein Gefühl der Desorientierung in Raum und Zeit bewirken, selbst Halluzinationen können sich bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit einstellen.

Sicher könnte das auch beim "ersten Höhlenbesucher" vorgekommen sein. Jedenfalls war das Interesse für die Höhlenwelt geweckt, sicher hat sich in irgendeiner Form bald eine größere Gruppe damit beschäftigt.

Ebenso kann man natürlich vermuten, dass sich das Gefühl der Erhabenheit, der Größe, der gänzlichen Andersartigkeit der Unterwelt, mit einem Wort: eine Art religiöses Gefühl, einstellte. Einzelne Frauen haben sich vielleicht auch fasziniert gezeigt von dieser Welt – und sich zunehmend mit ihr beschäftigt, vielleicht sogar sich von der Gruppe, von gewohnten Tätigkeiten etwas zurückgezogen. Die Vorläufer des Priestertums?

Haben wiederholte Besuche der Höhle schließlich die Form von Prozessionen angenommen?

Der Gedanke der Verknüpfung mit wichtigen Ereignissen oder wiederkehrenden Jahresereignissen (Sonnwend) ist dann ebenfalls nicht mehr fern.

Der Höhlenkult wäre damit endgültig geboren.

Fester resümiert:

"Dieses völlig neue, nur in der Welt der Höhle erfahrbare seelische Erlebnis stellt nicht nur einen Vorläufer religiöser Ekstase dar, sondern löste auch eine einschneidend Veränderung in der späteren kulturellen Entwicklungsrichtung der Menschheit aus. Neben das vorgegebene Mutter-Kind-Band (Mutterliebe) und die für den sozialen Austausch üblich gewordenen Handlungen der erwachsenen Primaten trat nun ein drittes, allein dem Menschen vorbehaltenes Element.

Die sich aus dem Höhlenerlebnis ergebenden Reaktionen fanden ihren Ausdruck in religiösen Gefühlen, in Ritualen, Wiedergeburtsvorbereitungen und vielem anderem mehr., bewirkten aber zugleich auch bei den Gruppen unter Höhleneinwirkung einen weiteren starken Anstoß, geistige Funktionen zu intensivieren und zu erweitern. Damit gewannen sie entscheidende adaptive Vorteile über den in der Savanne lebenden Artgenossen.

Im Laufe der Jahrhunderttausende seither erwiesen sich die in der Welt der Höhle entstandenen, die soziale Bindung verstärkenden religiösen Gefühle als so vorherrschend, dass sie sich im Rahmen der verschiedensten heute vorherrschenden Glaubenssysteme in kaum veränderter Form erhalten haben. Der unmittelbare Vorgänger des Homo Sapiens ist demnach – wir nennen ihn so – Homo religiosus."

(Jonas, Fester, Jonas 1980, S. 139)

Wie schon betont: man kann diese Thesen für sehr spekulativ halten.

Durch die weitere Entwicklung, durch die vielen höhlenbezogenen Riten, die in der Frühzeit vor allem mit weiblichen Gottheiten in Verbindung standen, würden die Thesen stützen. Die Beispiele dafür sind tausendfach.

Auch die oben angeführten Beispiele stehen in dieser Tradition! Dass es sich hier nicht mehr um Frauen handelt, tut dem keinen Abbruch. Zur Zeit der Entstehung dieser Religionen hatte sich eben das ursprünglich vorherrschende ("natürliche"?) Matriarchat bereits in die Männerherrschaft verwandelt – tausende von Jahren später!

Der Urimpuls "Höhle" wäre so gesehen aber geblieben.

Die Höhle also als eigentlicher Religionsstifter, überdauert von den ersten Menschen bis in unsere Zeit, manifestiert in den Kulten der verschiedensten Religionen, als der wichtigsten Impulse sogar herausgehoben durch die innige Beziehung von Religionsstiftern oder hohen Gottheiten mit eben dem Phänomen Höhle?

Ein kühner, aber faszinierender Gedanke.

Und sicher noch Diskussionsstoff für Höhle, Religion und Psyche

Literaturhinweise:

Arbeitskreis HöRePsy (1999) Tagungsmappe 1999: Die Höhle in den Weltreligionen Herausgegeben von Gabi und Peter Hofmann, Selbstverlag, München

Clément, Catherine (1998) Theos Reise - Roman über die Religionen der Welt Carl Hanser Verlag, München, Wien, 1998

Glatthaar, Regine (1999) Die Ursprünge des Mithraskultes
in: Arbeitskreis HöRePsy, Tagungsmappe 1999, S. 69-77

Hofmann, Peter (1995) Höhlen in der griechischen Sage
in: Arbeitskreis HöRePsy, Tagungsmappe 1995, S. 34-49

Hofmann, Peter (1999) Die Höhle in Bibel und Koran – Ein Vergleich
in: Arbeitskreis HöRePsy, Tagungsmappe 1999, S. 95-115

Jonas; Fester, Jonas (1980) Kinder der Höhle: Die steinzeitliche Prägung des Menschen (Kosel-Sachbuch) Kösel-Verlag, München

Kusch, Heinrich (1993) Vom Zufluchtsort zur Kultstätte
Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift "Die Höhle", Nr. 46, Wien 1993

Lindenmayr, Franz (1999) Mithras – der "Gott, der aus dem Felsen kam" in: Arbeitskreis HöRePsy, Tagungsmappe 1999, S. 78-94

Löffelmann, Monika (1999) Höhle und Shintoismus
in: Arbeitskreis HöRePsy, Tagungsmappe 1999, S. 33-36

Paret (1989 b) Der Koran Kommentar und Konkordanz von Rudi Paret Kolhammer-Verlag, Stuttgart, 4. Auflage 1989


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